Tischler durch Rechtsextreme im brandenburgischen Templin ermordet - das 138.
Todesopfer rechter Gewalt im vereinigten Deutschland.
von Jan Riebe
Der am 23.07.08 im brandenburgischen Templin durch Rechtsextreme ermordete
Tischler ist nach Zählung des Opferfonds CURA und der Amadeu Antonio Stiftung
das 138. Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt in Deutschland. Die
Stiftung geht davon aus, dass sich der rechtsextreme Hintergrund auch vor
Gericht aufrechterhalten lässt. Seit der Wiedervereinigung sind im Osten 62 und
im Westen 74 Menschen umgebracht worden. Es ist allerdings davon auszugehen,
dass die Dunkelziffer noch höher liegt, da in vielen Fällen Morde und ihre
Motive nicht vollständig aufgeklärt werden.
In den letzten Jahren war
die Zahl der Todesopfer durch rechtsextreme und rassistische Gewalt allerdings
rückläufig. Um so erschreckender ist der jüngste Fall: Dabei hatten zwei
polizeibekannte Rechtsextreme den 55jährigen obdachlosen Tischler Bernd K.
erschlagen und versucht die Leiche anzuzünden. Einer der Rechtsextremen trug ein
T-Shirt mit dem Abbild des Hitler-Stellvertreters Hess, an den
Rechtsextreme aus ganz Europa immer wieder mit Aufmärschen erinnern. Ebenfalls
in Ostdeutschland, in Wismar, wurde in der Neujahrsnacht 2007 ein 30jähriger
Mann aus der rechtsextremen Szene von seinen eigenen Neonazi-Kameraden
erschlagen. Gewaltexzesse, auch untereinander, sind oftmals Bestandteil
rechtsextremer Subkultur. Vielfach, so auch in diesem Fall, sind sie von einem
starken Alkoholkonsum begleitet. Was die genaue Ursache des tödlichen Streits
unter den Kameraden war, konnte auch vor Gericht nicht vollständig geklärt
werden. Auch am 15.04.05 endete ein Streit mit rechtsextremen Hintergrund
tödlich, als der 34 jähriger Arthur K. in Schwerte (NRW) von gleichaltrigen
Christian W. aus Ergste umgebracht wurde. Christian W. hatte in einem Park
rechte Parolen gerufen und den Hitlergruß gezeigt, daraufhin kam es zu einem
Wortgefecht mit dem späteren Opfer. Im Zuge des Streits stach der Täter fünf Mal
zu und verletzte Arthur K. dabei tödlich.
Diese Fälle machen deutlich wie
wichtig es ist, sich weiterhin gegen rassistisches und
rechtsextremistisches Gedankengut zu wenden und durch Solidarisierung mit
den Opfern ein klares Zeichen für die Menschenrechte zu setzen. Die Amadeu
Antonio Stiftung wird weiter zusammen mit dem Opferfonds CURA Opfer rechter
Gewalt und Projekte gegen Rechtsextremismus unterstützen und ist dabei auf
weiter auf Hilfe von Spenderinnen und Spendern angewiesen:
www.opferfonds-cura.de.
Für die Recherchen zu den letzten
Todesopfern rechter Gewalt danken wir dem Antifaschistischen Pressearchiv und
Bildungszentrum Berlin e.v. (apabiz). Außerdem danken wir der Opferperspektive Brandenburg für die nachfolgende Liste rechter Gewalttaten in Templin.
Registrierte rechte Gewalttaten in Templin seit 2002 hier
Registrierte rechte Gewalttaten in der Uckermark seit 2002 hier
Liste rechter Todesopfer in der BRD seit 1990 hier
| | | LISTE RECHTSEXTREMER GEWALTTATEN IN TEMPLIN | | |
22.07.2008 Ein 55-jähriger Mann wurde in seiner Werkstatt tot aufgefunden. Die Leiche wies Spuren schwerer Misshandlungen auf. Zwei einschlägig vorbestrafte Rechte wurden als Tatverdächtige ermittelt. Gegen sie wurde Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Totschlag erlassen. Das Motiv ist noch nicht geklärt. (Quelle: Sta. Neuruppin, OPP)
16.05.2008 Ein 16-Jähriger wurde auf dem Rückweg von einer Party aus einer Gruppe offensichtlich rechtsgerichteter Personen heraus geschlagen und von einer Person am Boden liegend getreten. (Quelle: OPP)
19.04.2008 In der Nacht wurde ein Punker von zwei offensichtlich rechtsorientierten jungen Männern auf der Straße geschlagen. Zufällig anwesende Polizisten in Zivil griffen ein und nahmen die Angreifer fest. (Quelle: IW, 22.04.2008; www.gegenrede.info)
17.11.2007 Ein Jugendlicher und ein Heranwachsender beschimpften einen jungen Mann als »Zecke« und schlugen ihm mit der Faust ins Gesicht. Als der Mann zu Boden gegangen war, trat einer der Täter ihm mehrfach gegen den Oberkörper. (Quelle: gegenrede.info; LKA, OPP)
02.11.2007 Eine Gruppe von zum Teil einschlägig vorbestrafter Rechter griffen einen Linken an. Es wurden zunächst fünf Tatverdächtige ermittelt; gegen drei von ihnen wird Anklage wegen »gefährlicher Körperverletzung« erhoben. (Quelle: OPP; LKA)
02.10.2007 Am Abend sammelten sich etwa 30 bis 40 Mitglieder der rechten Szene auf einem Parkplatz gegenüber der Gaststätte Irish Pub mit der erklärten Absicht, einen schwarzen Deutschen anzugreifen, der sich in der Kneipe aufhielt. Dieser konnte mit Hilfe von Gästen in einem Auto fliehen. (Quelle: OPP)
15.09.2007 Ein 44-jähriger Linker wurde von einem stadtbekannten Neonazi während und nach einem Open Air-Konzert mehrfach attackiert; er wurde zu Boden gestoßen und ins Gesicht geschlagen. Zuvor hatte sich der 44-Jährige über den »Hitlergruß« des Rechten lustig gemacht. (Quelle: OPP)
19.06.2007 Ein schwedischer Staatsbürger wurde aus rassistischen Gründen Opfer einer Körperverletzung. Es wurde ein Tatverdächtiger ermittelt. Nähere Angaben liegen nicht vor. (Quelle: LKA)
19.06.2007 Vor der Gaststätte Irish Pub wurde ein schwarzer Deutscher von zwei Rechten rassistisch beschimpft und geschlagen. Hinzukommende Gäste vertrieben die Täter. (Quelle: OPP)
05.06.2007 Vor einem Supermarkt beschimpfte ein stadtbekannter Neonazi einen Mann als »Jude« und verletzte ihn am Kopf. Der Täter war mit einem Teleskopschlagstock bewaffnet. (Quelle: OPP) Rechte Gewalttaten in Templin und der Uckermark seit 2002