CURA-Gründerin Ursula Kinkel; © privat

 

"Opfer brauchen Solidarität"

Ursula Kinkel, die Ehefrau des ehemaligen Bundesaußenministers Klaus Kinkel, gründete 1993 den Verein „Aktion CURA“, den sie 2004 unter dem neuen Namen Opferfonds CURA in die Trägerschaft der Amadeu Antonio Stiftung übergab. Wir sprachen mit ihr über die Beweggründe für ihr Engagement.

Was waren für Sie persönlich Gründe, sich mit dem Problem Rechtsextremismus zu befassen?

Kinkel: Rechtsextremismus war immer ein Thema, das mich sehr beschäftig hat. Ich gehöre zu der Generation, deren Eltern sich im Dritten Reich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, aber auch „arrangieren“ mussten. Da gab es viele Fragen, zumal während meiner gesamten Schulzeit bis zum Abitur 1959 das Thema im Geschichtsunterricht ausgeklammert wurde. Ich erinnere mich noch gut, wie die ersten „Gastarbeiter“ zu uns ins Land kamen, die zunächst dringend gebraucht und willkommen, später teilweise beargwöhnt, von manchen mit Misstrauen betrachtet und in eine „Ghetto-ähnliche“ Situation gedrängt wurden. Und dies alles zu einer Zeit, in der in der Bundesrepublik das Unrecht des Nationalsozialismus noch nicht einmal aufgearbeitet worden war. Das Erstarken rechtsextremer Bewegungen und Anschläge auf Menschen mit Migrationshintergrund, die oft gar nicht als Mitbürger angesehen wurden, haben mich sehr bewegt und beschäftigt.

Diese Gründe waren auch ausschlaggebend für die Gründung des Opferfonds CURA?


Als Ehefrau des Bundesaußenministers hatte ich die Idee und die Chance, 1993 den Verein „Aktion CURA“ zu gründen, um Opfern rechtsextremer Gewalt zu helfen. Große Unterstützung erhielt ich von der damaligen Ausländerbeauftragten der Bundesrepublik, Cornelia Schmalz-Jacobsen. Der Name meines Mannes ermöglichte mir den Zugang zu großzügigen Sponsoren. Anfang der 1990er Jahre gab es sehr viele grausame Anschläge mit rechtsextremem Hintergrund, man denke nur an Mölln und die Familie Arslan, Solingen und die Familie Genc, Mahlow und Herrn Noel Martin und natürlich Eberswalde und den Mord an Amadeu Antonio. Mein Besuch bei Familie Genc in Solingen direkt nach dem schrecklichen Anschlag hatte mich tief erschüttert, ebenso der Besuch bei dem querschnittgelähmten Noel Martin in Birmingham. Mir war klar, dass materielle Hilfe zwar notwendig, viel wichtiger aber das Umdenken in den Köpfen der Menschen war.

Was würden Sie sich noch von der Zivilgesellschaft und von den politischen Akteuren wünschen?

Von der Zivilgesellschaft würde ich mir wünschen, dass unsere Vergangenheit mehr in den Köpfen der Menschen präsent ist und ein „Nie wieder“ das Motto für unsere Gesellschaft bleibt. Wir haben ein wunderbares Grundgesetz, in dessen Artikeln 1-5 alles geschrieben steht, was die Menschenwürde, die Menschenrechte und die persönliche Freiheit für alle Menschen in unserem Land ausmacht. Von den politischen Akteuren erwarte ich, dass sie in ihrer Aufmerksamkeit für rechtsextreme Tendenzen nicht nachlassen und alles tun, um mitzuhelfen, dass Rechtsextremismus und Rassismus in unserem Land keine Chance haben. Dies gilt im Übrigen genauso für den Linksextremismus und Terrorismus, egal aus welcher Ecke er kommt.

Unter den Eindrücken des NSU-Terrors stellt sich nun die dringende Frage nach der Unterstützung der Hinterbliebenen. Was denken Sie, wie kann den Betroffenen geholfen werden?


Die aktuellen Erkenntnisse über die von NSU-Mitgliedern verübten Morde sind erschreckend. Gerade im Hinblick auf das offensichtliche Versagen der staatlichen Behörden müssen die Opfer in erster Linie finanzielle Entschädigung vom Staat erhalten; dies ist ja auch der Fall. Die seelischen Schäden, der Verlust von Angehörigen und Demütigungen sind allerdings durch Geld allein nicht wieder gut zu machen. Die Opfer brauchen die Solidarität des Staates und unserer Gesellschaft. Wir müssen ihnen deutlich zeigen, dass wir an ihrer Seite stehen und Rechtsterrorismus nicht dulden. Dass CURA ein bisschen dazu beitragen konnte, Gewalt und Unrecht gegenüber unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern wieder gutzumachen, war für mich wichtig. Dankbar bin ich dafür, dass ich im Jahre 2004 die Hilfsorganisation in die kompetenten Hände der Amadeu Antonio Stiftung übergeben konnte, die eine hervorragende Aufklärungsarbeit leistet und deren Opferfonds CURA weiterhin Opfer von Rechtsextremismus und Rassismus betreut.

Vielen Dank für das Interview!


Das Interview führte Fabian Sieber.
19/12/2011

 
 
 
 

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