Christina Büttner. Foto: © ezra

 

„Das Leiden der Betroffenen darf nicht weggeredet werden“

In ganz Deutschland können Flüchtlinge zu Opfern rechter Gewalt werden. Diese Gefahr reicht vom Aufbau schwerer Bedrohungsszenarien bis hin zu konkreter körperlicher Gewalt. Christina Büttner von ezra, der mobilen Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen, erlebt tagtäglich, welche Folgen dies für die Betroffenen hat. Im Interview spricht sie mit Alice Lanzke über Mehrfachtraumatisierungen, das Verhalten der Polizei und die Rolle der Beratungsstellen.

Alice Lanzke: Wie äußert sich rechte Gewalt gegen Flüchtlinge?
Christina Büttner: Wir beobachten verschiedene Formen der Gewalt. Da ist zum einen jene, die sich gegen Flüchtlinge richtet, die nicht weiß sind. Für die Täter ist das ein Signal, sich ihnen gegenüber aggressiv zu zeigen – ihnen deutlich zu machen, dass sie nicht willkommen sind. Flüchtlinge erzählen uns auch von gezielten Angriffen gegen Asylunterkünfte bzw. ihre Bewohnerinnen und Bewohner.
Daneben erleben Flüchtlinge aber auch Alltagsrassismus, werden etwa von Security-Männern nicht zu Veranstaltungen hineingelassen. Solche Erfahrungen bekommen wir häufiger von Asylsuchenden berichtet, die nicht weiß sind – meistens in der Begegnung mit Menschen, die Macht ausüben.
Flüchtlinge berichten uns aber auch von Racial Profiling-Erlebnisse. Die Polizei erklärt hierzu immer, sie erfülle nur ihre Pflicht – etwa in Zusammenhang mit der Residenzpflicht.

Wie erleben Flüchtlinge denn generell das Verhalten der Polizei?
Da gibt es ganz unterschiedliche Erfahrungen. Es liegt eben immer sehr an den Menschen. Viel zu oft wird aber leider sehr einseitig ermittelt. Ein Beispiel: Ein Asylsuchender wurde von einer Gruppe von Männern vor einem Einkaufscenter zusammengeschlagen. Der Betroffene wehrte sich mit Pfefferspray, welches von der Polizei dann auch sichergestellt wurde. Tatsächlich wurde gegen den Flüchtling Anzeige erstattet – und die Polizei ermittelte zunächst nur in diese Richtung. Weder wurde das Videomaterial des Einkaufszentrums ausgewertet, noch der Betroffene selbst befragt, der noch einige Zeit im Krankenhaus lag. Gemeinsam mit seiner Anwältin konnten wir die Polizei allerdings schließlich dazu bewegen, in beide Richtungen zu ermitteln – auch wenn der Tatvorwurf gegen ihn erst einmal bestehen bleibt. Diese Tatumkehr erleben viele Flüchtlinge bzw. Opfer rassistischer Gewalt generell: Obwohl die Verletzungsfolge eindeutig ist, ermittelt die Polizei zunächst gegen die Betroffenen. Gerade, wenn ein Flüchtling schon einmal auffällig geworden ist, etwa in Zusammenhang mit seinem Aufenthaltsstatus, führt das oft dazu, dass er als Täter behandelt wird – und sich dann häufig auch so fühlt. Hier findet also eine Verschiebung statt.

Ein anderer Fall, der mir dazu einfällt, betrifft zwar keinen Flüchtling, beschreibt aber eine Erfahrung, die viele Flüchtlinge machen: Ein ausländischer Student, der schwarz ist, wurde zum Opfer rechter Gewalt und rief die Polizei. Deren Ermittlungsarbeit war zwar sehr gut – sie haben aber zunächst ausgiebig seinen Aufenthaltsstatus geprüft. Das hinterließ bei dem Betroffenen natürlich ein komisches Gefühl.

Und das erleben Flüchtlinge auch so?
Ja, das bekommen wir oft zu hören: Sie rufen die Polizei und es ist ganz klar, wer verletzt wurde – etwa weil jemand blutend am Boden liegt. Und anstatt sofort zu helfen, kontrolliert die Polizei erst einmal die Ausweispapiere. Hier wäre eine sensiblere Vorgehensweise wünschenswert. Das kann zum einen durch Schulungen passieren, zum anderen sollten die Beamtinnen und Beamten Beratungsstellen oder andere Institutionen hinzuziehen, die Erfahrungen mit Opfern rechter Gewalt haben. Hier wären bessere Kooperationen hilfreich. Natürlich hat die Polizei bestimmte Zwänge bei der Ermittlungsarbeit, aber Kleinigkeiten könnten große Unterschiede machen.

Kommen denn überhaupt alle Fälle von rechter Gewalt gegen Flüchtlinge zur Anzeige?
Ich denke, dass die Dunkelziffer in Deutschland viel höher ist. Für Thüringen kann ich das mit Bestimmtheit sagen.

Woran liegt das?
Es gibt verschiedene Gründe. Zum einen ist die Vernetzung zwischen den verschiedenen Stellen nicht gut genug. Von der Polizei wissen wir, dass sie nicht hinreichend berät. Aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gemeinschaftsunterkünfte verweisen nicht an die entsprechenden Stellen. Viele Flüchtlinge wissen eben nicht, an wen sie sich wenden können. Hinzu kommen die schlechten Erfahrungen, die sie häufig in ihren Heimatländern gemacht haben. Oft sind sie schon vorher traumatisiert, dann kommt es zu einer Mehrfachtraumatisierung. Zudem verfügen Asylsuchende über wenig Ressourcen und Sicherheit, andere belastende Faktoren sind das Asylverfahren und existenzielle Sorgen. Manchmal leiden die Flüchtlinge dazu noch unter ganz unguten Wohnbedingungen und haben dann teilweise nicht einmal die Möglichkeit, woanders hinzureisen, um sich Hilfe und Unterstützung zu suchen.

Gibt es denn im Umfeld jeder Flüchtlingsunterkunft ausreichend Hilfsangebote?

Das kommt sehr darauf an, wo sich die Unterkunft befindet. Manchmal gibt es gar keine Ansprechpartner. In ganz kleinen Orten kann vielleicht der Pfarrer helfen – wenn es denn einen gibt. Je abgelegener die Unterkünfte sind, umso schlechter ist die Beratungssituation. Dabei ist gerade bei diesen Unterkünften die Gefahr, angegriffen zu werden, größer.

Könnten sich Flüchtlinge denn nicht an die Leitung der Unterkünfte oder deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wenden, wenn sie angegriffen werden?
Von denen haben wir noch nie etwas gemeldet bekommen. Hier gibt es auch nur ganz selten Kooperationen. Aus meiner Sicht liegt das an Überforderung, Desinteresse und oft auch einfach mangelndem fachlichen Background und damit einhergehend fehlendem Wissen. Zudem glaube ich, dass die Meldung solcher Fälle oft auch nicht von den zuständigen Landratsämtern gewünscht wird – aber das ist nur eine Vermutung.

Sind die Erfahrungen mit der Staatsanwaltschaft da besser?
Im Prinzip können wir hier nichts Auffälliges beobachten. Man kann allerdings davon ausgehen, dass ein Verfahren, wenn wir begleiten, positiver läuft. Denn wir sind natürlich auch unabhängige Beobachter der Ermittlungsarbeit und schaffen ein Stück mehr Öffentlichkeit. Die Betroffenen bewegen sich so viel sicherer. Wir helfen auch mit Dolmetschern und nehmen uns Zeit, jeden Teil der Ermittlung und jedes Gespräch genau zu erklären.

Was passiert überhaupt, wenn sich ein Flüchtling nach einem rechten Übergriff bei ezra meldet?

Wir erfragen erst einmal, wie es dem Betroffenen geht und welche Art der Unterstützung gerade nötig ist. Nach der Schilderung der Vorfälle klären wir über juristische Möglichkeiten auf und kommen dann zu den Zielstellungen der Betroffenen: Wünschen sie Begleitung zur Polizei, finanzielle Unterstützung oder psychologische Hilfe?
Wir fragen auch immer, ob wir den Vorfall dokumentieren dürfen, um ihn in unsere Chronik aufzunehmen.

Was wäre nun insgesamt wünschenswert, um die Situation von Flüchtlingen als Betroffenen rechter Gewalt zu ändern?

Ich würde mir wünschen, dass man Probleme benennen kann, dass das Leiden der Betroffenen anerkannt wird und nicht aus Sorge um das Image eines Orts weggeredet oder verschwiegen wird. Wir müssen auch sehen, was hinter jedem rassistischen Übergriff steht – denn nur, wenn man das Problem dahinter erkennt, kann man Strategien dagegen entwickeln.

Das Gespräch führte Alice Lanzke.

Geflüchtete und Asylsuchende als Betroffene rechter Gewalt
Welches Ausmaß die Gewalt gegen Flüchtlinge hat, vermittelt etwa die Internetseite www.dok-maar.de, welche deutschlandweit rassistische Aktionen und rechte Übergriffe auf Geflüchtete dokumentiert.

Im Falle eines Angriffs sollten sich Betroffene rechter Gewalt an die Opferberatungsstelle des jeweiligen Bundeslandes wenden. Diese bieten oft psychosoziale Beratung an, bereiten auf Behördengänge und ggf. einen Gerichtsprozess vor, unterstützen beim Stellen von Anträgen und vermitteln Anwälte. Doch viele Asylsuchende kennen diese Möglichkeiten nicht. Umso wichtiger ist, dass nicht nur Akteurinnen und Akteure der Zivilgesellschaft die Angebote der Opferberatungsstellen kennen und sie vermitteln. Auch die kommunalen Verwaltungen, zuständigen Ämter und Heimleitungen sollten entsprechend geschult sein. Doch gerade an diesen Stellen wird Rassismus häufig geleugnet oder einfach nicht wahrgenommen. Entsprechend selten kommt es vor, dass zuständige Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder aber Heimleitungen selbst die Opferberatungsstellen über Fälle rassistischer Gewalt gegen Flüchtlinge informieren. Dabei ist Rassismus für Asylsuchende ein allgegenwärtiges Phänomen. Umso wichtiger ist die Sensibilisierung aller Stellen.

Das Interview ist der Broschüre "Die Brandstifter. Rechte Hetze gegen Flüchtlinge" entnommen und steht hier zum Download bereit (PDF-Dokument, 1.4 MB).

 
 
 
 

Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 - wir erinnern an...

Todesopfer rechter Gewalt seit 1990

In Deutschland wurden seit dem Wendejahr 1990 mindestens 193 Menschen Opfer rechtsextremer oder rassistischer Gewalt. Informationen über die Problematik der offiziellen Statistik und die komplette Liste der Todesfälle finden Sie hier.

 

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