© Marco Broscheit

 

„Die haben uns nicht ernstgenommen“

Erst nach der Selbstenttarnung des NSU und dem Auffliegen des skandalösen Versagens der Behörden hatten die jahrelangen Verdächtigungen der Angehörigen der Opfer ein Ende. Eine Studie, die im Auftrag der Thüringer Opferberatung ezra erhoben wurde, zeigt erneut die fehlende Sensibilität der Polizei gegenüber Betroffenen rechter Gewalt in Thüringen.

Jahrelang wurden Angehörige der Opfer, der vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) Ermordeten, verdächtigt in kriminelle Machenschaften verwickelt oder sogar selbst für den Tod der eigenen Familienangehörigen verantwortlich zu sein. Nach der Selbstenttarnung des NSU und dem Auffliegen des skandalösen Versagens der Behörden, gerät nun immer mehr der Umgang der Ermittlungsbehörden mit Betroffenen rechter Gewalt in den Fokus. Eine Studie der Friedrich-Schiller Universität Jena, die im Auftrag der „Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen“ (ezra) erhoben wurde, zeigt jetzt die Erfahrungen von Betroffenen rechter Gewalt mit der Polizei in Thüringen.

Schon der Titel der Studie, „Die haben uns nicht ernstgenommen“ -eine Studie zu den Erfahrungen von Betroffenen rechter Gewalt mit der Polizei, deutet auf die bestehende Problematik hin. Die Studie von Matthias Quent und Dr. Daniel Geschke von der FSU versucht, Antworten auf Fragen zum Umgang der Polizei mit den Betroffenen, während und nach der Tat, aber auch zum Übergriff selbst, wie etwa zu Täterinnen und Tätern oder Tatort zu geben. Zusätzlich wird das Verhalten des sozialen Umfelds der Betroffenen mit in die Untersuchung einbezogen. In der Studie werden die empirischen Befunde aus offenen Interviews und einer standardisierte Telefonbefragung bei 44 Betroffenen zu ihren Wahrnehmungen und Meinungen dargestellt. Befragt wurden Menschen zwischen 15 und 60 Jahren die zwischen 2010 und 2013 bei ezra beraten wurden. Dabei wird deutlich, dass es sich bei dem problematischen Verhalten von Polizeibeamtinnen und -beamten nicht um Einzelfälle, sondern um ein systematisches Versagen handelt.

Fehlende Sensibilität der Polizei gegenüber Betroffenen rechter Gewalt


Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die zu Hilfe gerufene Polizei zwar meist schnell am Ort der Tat eintraf, die Einsatzkräfte aber nur selten eine angemessene Sensibilität gegenüber den Opfern der Gewalttaten zeigten. So gaben fast zwei Drittel der Befragten an, dass sie nicht den Eindruck gehabt hätten, dass die Polizei an der Aufklärung der politischen Hintergründe der Tat interessiert war. Auch bei der anschließenden Zeugenbefragung hatten mehr als die Hälfte der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer nicht den Eindruck, dass eine Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Tatmotiven durch die Polizei stattfand. In einem Drittel der Fälle wurde den Opfern sogar vorgeworfen, selbst eine Mitschuld an der Eskalation der Gewalt zu tragen. Ein Fünftel der Befragten gab darüber hinaus an, sich von der Polizei als die eigentlichen Täterinnen und Täter behandelt gefühlt zu haben. Nur sehr wenige Betroffene wurden von der Polizei auf die Möglichkeit einer Nebenklage oder auf das Löschen der eigenen Privatdaten aus den Akten hingewiesen. Auch über die Möglichkeiten von Opferberatungsstellen wurden sie, trotz entsprechend vorhandener Broschüren, nur sehr selten informiert.

Fehlverhalten der Polizei: Eine zweite Opferwerdung

Das Verhalten der Polizei kann bei den Betroffenen, laut der Studie, eine „sekundäre Viktimisierung“, also eine zweite Opferwerdung nach der eigentlichen Tat, auslösen. Die Erfahrung der ursprünglichen Gewalttat wird dadurch verstärkt und die Betroffenen werden erneut in die Situation des Opfers gebracht. Das Ganze hat schwerwiegende Folgen für die Betroffenen, vor allem dann, wenn zusätzlich auch das soziale Umfeld die Taten bagatellisiert oder wenig bis gar nicht solidarisch reagiert. Folgen einer solchen sekundären Viktimisierung sind meist ein massiver Vertrauensverlust in Bezug auf die Polizei und eine verlangsamte Aufarbeitung der Tat. Erschwerend kommt hinzu, dass fast ein Drittel der Befragten im Alltag von häufigen Polizeikontrollen (sog. racial profiling) betroffen ist, was das Verhältnis zur Staatsmacht zusätzlich belastet. Betroffene berichten teilweise noch Jahre nach der eigentlichen Tat von psychischen und physischen Problemen. Auch fürchten viele, erneut Opfer einer Gewalttat zu werden. Daher entwickeln sie Vermeidungsstrategien, so wird z.B. der Tatort oder ihm ähnliche Orte oder allgemein die Öffentlichkeit zu bestimmten Zeiten gemieden. Jeder fünfte Befragte gab sogar an, am liebsten Thüringen ganz verlassen zu wollen. Die Gewalterfahrung wird auf ganz unterschiedliche Weise verarbeitet. So gibt ein Drittel der Befragten an, inzwischen "Gegenstände" zur besseren Verteidigung bei sich zu tragen, fast die Hälfte trainiert verstärkt ihre körperliche Fitness.

Fehlende Opfergruppen - Einer blinder Fleck in der Studie

Quent und Geschke zeichnen in ihrer Studie ein bedrückendes Bild der Polizei und deren Umgang mit Betroffenen rechter Gewalt und sind jedoch auch der begrenzte Aussagekraft ihrer Erhebung bewusst: So ist sie durch die geringe Fallzahl, etwa im Vergleich zu den rund 900 registrierten Gewaltübergriffen von Rechts allein letztes Jahr, nicht repräsentativ. Befragt wurden zudem nur die von ezra betreuten Opfer und, aus Kostengründen, dies auch nur auf Deutsch, was mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Vielzahl von Migrantinnen und Migranten von der Befragung ausschloss. Auch Flüchtlinge, die erst seit kurzen in Deutschland sind und die Sprache noch nicht beherrschen, jedoch sehr häufig von rassistischen Anfeindungen und Angriffen betroffen sind, finden sich damit auch nicht in der Erhebung wider. Dennoch liefert die Studie wichtige Erkenntnisse, was den Umgang mit Opfern rechter Gewalt durch die Behörden angeht.

Opferperspektive in den Fokus der Polizeiermittlungen

Zum Abschluss der Studie versuchen die Autoren Antworten auf die Fragen zu finden, wie sich rechte Gewalttaten in Zukunft vermeiden lassen und die negativen Folgen für die Betroffenen reduziert werden können. Sie stellen sich die Frage, durch welche Veränderungen die Polizei ein Partner von Opfern rechter Gewalt wird, der als vertrauenswürdig und hilfsbereit wahrgenommen werden kann. Dafür müssten, laut der Autoren, zunächst die Betroffenen zu Wort kommen. Die Perspektive der Betroffenen in den Blick zu nehmen und ein Bewusstsein für ihre Lage, bzw. eine Sensibilität im Umgang mit ihnen zu schaffen, ist ein erster wichtiger Schritt, um eine wirkliche Veränderung erreichen zu können.

Foto: © Marco Broscheit (CC BY 2.0)


Von Konrad Eucken

 
 
 

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