© Foto: © Antifa Westbrandenburg

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Ein Stück Menschlichkeit -Würdiges Gedenken an Emil Wendland

Vor 22 Jahren starb Emil Wendland in Neuruppin, ermordet von einer Gruppe junger Neonazis. Bis heute wird er von offizieller Seite nicht als Todesopfer rechter Gewalt geführt. Es gibt jedoch eine Gruppe junger Menschen in Neuruppin, die dieser Ignoranz entgegenwirken. Mit Unterstützung des Opferfonds CURA bemüht sich der Verein MittenDrin seit Jahren um ein würdiges Gedenken. Dazu fand an seinem Todestag, dem 1. Juli, eine Gedenkkundgebung statt.

Der alkoholkranke Emil Wendland wird am 1. Juli 1992 in Neuruppin erstochen. Der Auslöser für diese brutale Tat war der Entschluss dreier Mitglieder der örtlichen Neonaziszene "Assis aufzuklatschen". Im Neuruppiner Rosengarten stießen sie so auf ihr späteres Opfer Emil Wendland. Der 50-Jährige schlief dort alkoholisiert auf einer Parkbank. Sie malträtieren ihn mit Schlägen und Tritten. Als sich die Täter von Wendland entfernen, kehrt jedoch einer der Täter bewusst zu dem schwer verletzten Opfer zurück und sticht sieben Mal mit einem Messer in den Oberkörper des wehrlosen Mannes. Im Oktober 1993 verurteilt das Landgericht Potsdam den 20-jährigen Haupttäter Mirko H. wegen Totschlags zu sieben Jahren Jugendstrafe. Das Gericht stellt fest, H. habe sein Opfer für "einen Menschen zweiter Klasse gehalten". Ein Mittäter wird wegen schwerer Körperverletzung zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt. Auch hier wird der sozialdarwinistische Hintergrund der Tat vom Gericht erwähnt: „... faßte man spätestens zu diesem Zeitpunkt den Entschluß, in der Nacht 'Assis aufzuklatschen'; gemeint war damit das Zusammenschlagen von Obdachlosen oder anderen Personen, die man als mißliebig verachtenswert ansah.“

Nichtbeachtung durch offizielle Stellen

Auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS/Linke Liste wird in der Antwort des Bundestages Emil Wendland im September 1993 als Todesopfer rechter Gewalt noch aufgeführt. In späteren Antworten der Bundesregierung wird er jedoch nicht mehr genannt. Aktuell wird der Fall noch einmal eingehend beleuchtet: Im Rahmen eines bisher deutschlandweit einmaligen Projekts untersucht das Moses Mendelssohn Zentrum noch einmal sämtliche Fälle Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg, die bisher nur von zivilgesellschaftlichen Organisationen geführt werden, auf ein rechtsextremes bzw. rassistisches Tatmotiv. Ein Expertenarbeitskreis, an dem unter anderem Vertreter der Opferberatungsstelle Opferperspektive als auch der Amadeu Antonio Stiftung beteiligt sind, unterstützt das Projekt.

Es bleibt abzuwarten, ob Emil Wendland nach Jahren der Nichtbeachtung durch offizielle Stellen doch noch offiziell anerkannt wird, um das tödliche Ausmaß rechter Gewalt realitätsnaher abzubilden.

MittenDrin kämpft gegen das Vergessen

Es gibt jedoch eine Gruppe junger Menschen in Neuruppin, die dieser Ignoranz und dem Vergessen des 50-Jährigen entgegenwirken. Mit dem Projekt "Emil Wendland und die Geschichte rechter Gewalt in den 90er Jahren" verfolgt der Verein MittenDrin die offizielle Anerkennung Emil Wendlands als Todesopfer rechter Gewalt. Dafür veranstalten sie unter anderem Podiumsdiskussionen, um die Öffentlichkeit über die gesellschaftlichen Folgen von Rassismus zu sensibilisieren. Themen wie Ideologien gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit werden dabei genauso behandelt wie auch der staatliche Umgang mit Betroffenen rechter Gewalt. Zudem wird im Rahmen eines Schülerpraktikums ein dokumentarischer Film zu den Geschehnissen 1992 entstehen.

1. Juli - Die jährliche Gedenkkundgebung für Emil Wendland

Die jährliche Gedenkkundgebung für Emil Wendland am 1. Juli, dem Todestag des 50-Jährigen, ist eine der zentralsten Veranstaltungen des Vereins MittenDrin. Auch in diesem Jahr – 22 Jahre nach seinem Tod - rief der Verein wieder zur Teilnahme an einem würdigen Gedenken im Neuruppiner Rosengarten, dem Tatort, auf: „Wir wollen Emil Wendlands Leben beleuchten und ihm so ein Stück seiner Menschlichkeit zurückgeben, das ihm die Täter genommen haben“.

70 Menschen sind gekommen, um gemeinsam an Emil Wendland zu erinnern und so auch ein Zeichen der Solidarität für alle Betroffenen rechter Gewalt zu setzen. Der Opferfonds CURA der Amadeu Antonio Stiftung unterstützt den Verein in seinem Bemühen ein würdiges Gedenken an Emil Wendland zu gestalten.

 

© Foto: © Antifa Westbrandenburg

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Wie Neonazis Todesopfer rechter Gewalt instrumentalisieren

Wie wichtig dieses Engagement ist, zeigte die Ankündigung der Neuruppiner NPD, die den Todestag Emil Wendlands für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchen. „Wie wir heute mit Erschrecken erfahren haben, hat die Neuruppiner NPD für 17:00Uhr eine Kundgebung im Neuruppiner Rosengarten angemeldet – nicht um unsere gleichzeitig stattfindende Gedenkveranstaltung zu stören – nein, um ebenfalls dem von Neonazis ermordeten Emil Wendland zu gedenken“, so der Verein MittenDrin.

Dem Aufruf der NPD folgten sieben Neonazis, darunter der Stadtverordnete Dave Trick. Sie fanden sich 200 Meter vom Gedenkstein ein und hielten ein Banner mit der Aufschrift „Emil Wendland – Subkulturelle Perspektivlosigkeit töteten den deutschen Volksgenossen“ hoch. Auf diese Weise versuchen Rechtsextreme den Mord an Emil Wendland vor 22 Jahren zu entpolitisieren und sehen in der „subkulturellen Perspektivlosigkeit“ der drei jugendlichen Täter das eigentliche Tatmotiv.

Nicht das erste Mal versuchen Neonazis so, Todesopfer rechter Gewalt zu relativieren. Dies geschah auch bereits in Greifwald mit dem Obdachlosen Eckard Rütz sowie mit dem Obdachlosen André Kleinau aus Oschatz. Im Fall von Neuruppin verfolgt die NPD sowie die Neuruppiner Freien Kräfte insbesondere auch eine Strategie der Mobilisierung für den „Tag der deutschen Zukunft“, der im nächsten Jahr dort stattfinden soll. Daher war die Anmeldung der Kundgebung von rechter Seite nicht nur Provokation, sondern auch Teil ihrer rassistischen Kampagne.

Viele Neuruppiner Bürgerinnen und Bürger werden dies jedoch nicht widerspruchslos hinnehmen. Bereits gestern wurde so ein Redebeitrag der NPD aufgrund starker Gegenproteste nach nur wenigen Sätzen abgebrochen.

Von Anna Brausam

Foto: © Antifa Westbrandenburg/ CC BY-NC-SA 2.0 DE

 
 
 
 

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