© Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative

 

Günter Schwannecke war keine Randfigur

Eine neu gegründete Initiative aus Berlin-Charlottenburg setzt sich für ein fast vergessenes Opfer rechter Gewalt ein. Mit einer Informationsoffensive über den am 29. August 1992 ermordeten Obdachlosen Günter Schwannecke kämpft die Gedenkinitiative gegen das Vergessen.

Günter Schwannecke ist ein unbeachtetes, vergessenes Gewaltopfer. In den meisten Statistiken kommt er gar nicht vor. Niemand kümmert sich um einen Wohnungslosen, dessen Geburtstag wir bisher nicht einmal kennen und über den wir auch sonst wenig wissen. Aber Günter Schwannecke war keine Randfigur, sondern ein Opfer wie viele andere. Er muss ebenso gewürdigt werden“, sagt Leo Lölhöffel von der Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative.

Weil er Zivilcourage bewies, musste er sterben


Am 29. August 1992 wird der Obdachlose Günter Schwannecke von einem Neonazi in Berlin-Charlottenburg erschlagen. Weil er Zivilcourage bewies, musste er sterben: Als Günter Schwannecke und ein anderer Wohnungsloser, Hagen K., sehen, dass zwei Menschen mit Migrationsgeschichte rassistisch beleidigt werden, greifen sie ein – die ursprünglichen Opfer können fliehen. Mit ihrem beherzten Eingreifen lenken sie jedoch die Wut der Nazis auf sich. Einer der beiden Nazis schlägt immer wieder mit einem Baseballschläger auf die Obdachlosen ein. Hagen K. kann mit einem schweren Hirntrauma gerettet werden, Günter Schwannecke stirbt jedoch an seinen schweren Verletzungen am 5. September 1992. Der Haupttäter wurde 1993 wegen Körperverletzung mit Todesfolge und schwerer Körperverletzung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Täter habe „ausschließlich um die Lust an Gewaltanwendung“ gehandelt, so das Gericht. Doch seine rassistische Gesinnung sei ursächlich für sein Handeln. Obwohl Günter Schwannecke 1993 offiziell als Todesopfer rechter Gewalt von der Bundesregierung geführt wurde, taucht er in späteren offiziellen Listen nicht mehr auf.

20. Todestag von Günter Schwannecke

Die Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, das Gedenken an den Ermordeten zu bewahren. Anlässlich des 20. Todestages will die Initiative Günter Schwannecke in das Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger zurückbringen. So ist am 29. August 2012 eine öffentliche Gedenkveranstaltung geplant, bei der eine provisorische Informationstafel am Ort des Geschehens angebracht werden soll. „Mit der Veranstaltung wollen wir eine Informationsoffensive starten, um diesen Fall aufzuarbeiten und ihn dem öffentlichen Vergessen zu entziehen“, so die Initiative über ihre Motivation. Bei der provisorischen Gedenktafel solle es jedoch nicht bleiben: „Wir werden uns an die Bezirksverordnetenversammlung und an die zuständigen Behörden wenden und um Zustimmung für unsere Idee werben. Wir haben dafür gute Aussichten. Denn der Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zeigt sich aufgeschlossen. Falls es bürokratische Einwände geben sollte, etwa dass so etwas "an einem Spielplatz unüblich" sei, werden wir darum kämpfen, die Gedenktafel anzubringen“, sagt Leo Lölhöffel über das Vorhaben.

An der Gedenkinitiative sind neben zivilgesellschaftlichen Gruppen auch Landesabgeordnete der SPD und Die Linke beteiligt. So versucht das Bündnis mit Hilfe der Abgeordneten noch einmal eine Anfrage an den Senat des Inneren zu stellen, um eine erneute Überprüfung der Tatumstände zu bewirken und dadurch eine offizielle Anerkennung zu erreichen. „Auf jeden Fall müssen das Bundesinnenministerium und der Berliner Senat darauf hingewiesen werden, dass es keinen Grund gab, Günter Schwannecke aus der amtlichen Opferliste, in der er anfangs aufgeführt war, zu streichen“, so Leo Lölhöffel. Zwanzig Jahre nach der Tat wird Günter Schwannecke die offizielle Anerkennung noch immer verweigert, es ist an der Zeit nun endlich ein Zeichen zu setzen. Bis heute divergiert die Zahl der offiziell anerkannten Todesopfer rechter Gewalt durch die Bundesregierung zu Zahlen zivilgesellschaftlicher Organisationen. Die Amadeu Antonio Stiftung zählt 182 Todesopfer rechter Gewalt – 119 mehr als die Bundesregierung. Unter den nicht-anerkannten Todesopfern finden sich viele Obdachlose.

Niemand ist vergessen

Obdachlose sind eine der schwächsten Gruppen in der Gesellschaft und erfahren ständig Bedrohung durch rechtsextreme Gewalt. Der Grund dafür liegt in der sozialdarwinistischen Einstellung, die in der rechten Szene vorherrscht: Wohnungslose Menschen gelten als „asozial“ und „minderwertig“. Der ideologische Kontext der Täter darf gerade bei einer tödlichen Attacke auf diese Opfergruppe nicht ignoriert werden, begründet sich doch in ihrer rechten Gesinnung die exzessive Gewalt gegen sozial schwächer gestellte Menschen. Günter Schwannecke ist ein Todesopfer rechter Gewalt und sollte in der offiziellen Statistik der PMK-rechts genannt werden.

Seitdem sich die Gedenkinitiative mit Günter Schwannecke auseinandersetzt wird deutlich, dass man mehr über die Tatumstände weiß, die zu seinem Tod geführt haben als über sein Leben. Dass die Initiative bis jetzt nicht einmal den Geburtstag von dem Obdachlosen weiß, zeigt, wie wenig sich in Erfahrung bringen lässt. Deshalb ist die Initiative nun auf der Suche nach Menschen, die Günter Schwannecke kannten, die ihnen Informationen oder auch alte Fotos zukommen lassen könnten. Die Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative freut sich über eine Kontaktaufnahme. „Denn niemand wird vergessen – auch nach 20 Jahren nicht!

Interessierte sind zum zweiten Treffen der Initiative am 30. Juli 2012 um 19.30 Uhr im Schloss 19 willkommen und können sich gerne per E-Mail melden.


Anna Brausam

 
 
 
 

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