Zwei der von Kindern angefertigten Opferportraits. © Sahsine Ariker

 

Opferportraits als Gedächtnisstütze

19.4.2012 Im Rahmen der Projekttage „Köfte Kosher“ beschäftigten sich jüdische und muslimische Jugendliche in Bremen mit Themen wie Diskriminierung, Zivilcourage und alltäglichem Rassismus. Zum Abschluss des Projekts setzten sie mit einer selbstgestalteten „Gedenkwand“ ein Zeichen gegen rechte Gewalt in Deutschland.

Bei dem bundesweiten Pilotprojekt trafen sich vom 1. bis 10. April 2012 mehrere muslimische und jüdische Jugendliche in Bremen, um sich im Rahmen der Projekttage intensiv mit Themen wie Rassismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit oder auch Homophobie zu beschäftigen. Der Titel des von der Amadeu Antonio Stiftung geförderten Projekts „Köfte Kosher“ verbindet die Jugendlichen und ihre Religionsgemeinschaften dabei nicht nur symbolisch, sondern auch im wörtlichen Sinne; Ausgangspunkt war jeden Tag ein gemeinsames Mittagessen, welches sowohl koscher als auch halal war.


Nicht alleine sein
Neben Workshops und Vorträgen über rechtsextreme Gewalt, rechte Symbole und Begrifflichkeiten, berichteten die Teilnehmer dabei auch von eigenen Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen und tauschten sich darüber untereinander aus. Das Bewusstsein mit dieser Problematik nicht alleine zu sein und eine gegenseitige Stärkung der Jugendlichen ist aber nur ein Ziel dieser Projekttage. Des Weiteren wurden den Jugendlichen auch ganz konkrete Opfer- und Beratungsstellen in ihrer Stadt vorgestellt, an die sie sich im Notfall wenden können.
Das Projekt wollte aber nicht nur die Jugendlichen zum Nachdenken und Austausch anregen, sondern auch das öffentliche Bewusstsein nachhaltig für rechte Gewalt sensibilisieren.


Gedächtnisstütze im öffentlichen Raum
Um der anonymen Kriminalitätsstatistik ein reales Gesicht zu geben, setzten sich die Jugendlichen daher ausführlich mit einzelnen Biografien von Todesopfern rechtsextremer Gewalt seit 1990 auseinander. Dabei arbeiteten sie konkret die Lebensgeschichte der Betroffenen heraus und stellten fest, dass sie ganz unterschiedliche Hintergründe haben. Einige wurden aufgrund ihrer Religion oder Herkunft, andere aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zum Opfer der Nazis.
Um dies zu verdeutlichen und rechte Gewalt dauerhaft sichtbar zu machen, fertigten die Jugendlichen daraufhin Graffitischablonen mit den Konturen der Todesopfern an und trugen diese mit Farbe auf ein ehemaliges Trafohäuschen mitten im Bremer Steintorviertel auf. „Die Kinder finden es gut, dass sie selber aktiv sein können und sprayen dürfen“ so Sahsine Ariker, eine der Initiatoren im Gespräch mit der Mut-Redaktion. Die mit kleinen Informationstafeln versehenen Opferportraits sollen eine Art „Gedächtnisstütze“ im öffentlichen Raum hinterlassen und ein umfassendes Bild rechter Gewalt abbilden.
Der Plan von „Köfte Kosher“ ist es, dass das Projekt in verschiedenen Städten Station macht und damit ein bundesweites Netz von Gedenkbildern entsteht. Parallel zu der künstlerischen Auseinandersetzung wurden die Teilnehmer für einen Dokumentarfilm begleitet und auch selbst in die Techniken des Filmens und der Kameraführung eingeweiht.


Selbstbestimmtes und offenes Miteinander
Neben der künstlerischen sowie inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema, war es ein weiteres Anliegen, die Jugendlichen in ihrer eigenen kulturellen Identität zu bestärken und sich nicht in eine Opferrolle drängen zu lassen. „Wir wollen da nicht stehen bleiben: Wir wollen den Kindern Mut machen, ihr Selbstbewusstsein stärken und ihnen Zivilcourage beibringen“ betont die künstlerische Leiterin des Projekts in der „Jüdischen Allgemeine“. Die jüdischen und muslimischen Jugendlichen sind teilweise doppelt von Ausgrenzung betroffen, aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit und ihrem Migrationshintergrund. Gerade in diesem Kontext, ist es umso bedeutender, gegenseitige Vorurteile und Diskriminierungen abzubauen und zu einem offenen und selbstbestimmten Miteinander zu ermutigen.
Bereits im Vorfeld stieß das Projekt auf ein breites Interesse der Anwohner und Öffentlichkeit und erhielt Unterstützung, so kümmerte sich ein engagierter Nachbar um das Häuschen und beseitigte Müll und Unrat. Der örtliche Energieversorger ließ es auf eigene Kosten frisch renovieren und so für die Spray-Aktion vorbereiten. Auch etliche Lokalpolitiker und Vertreter der jüdischen und muslimischen Gemeinde ließen es sich nicht nehmen, bei der von den Jugendlichen selbst moderierten Abschlusszeremonie vorbeizuschauen. Dabei wurde die Gedenkwand auf dem sogenannten „Bermuda Platz“ eingeweiht und der Öffentlichkeit präsentiert. In einer gemeinsam verfassten Rede schilderten die Teilnehmer ihre Erlebnisse der gemeinsam verbrachten Tage und als Höhepunkt der Veranstaltung spielte eine Bremer Hip Hop Band.
Mit seinem kreativen Ansatz leistete dieses Pilotprojekt einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Problematik des alltäglichem Rassismus und der gruppenbezogenen Verachtung von Menschen.


Dass dieses Konzept bereits positive Früchte trägt, belegt der Wunsch vieler Kinder und auch deren Eltern, sich wieder zu sehen und persönliche Kontakte zu vertiefen. So ist für den 1. Juli ein gemeinsames Sommerfest geplant, dann bestimmt wieder unter dem Motto „Köfte Kosher“.

Diana Buhe

 
 
 
 

Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 - wir erinnern an...

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In Deutschland wurden seit dem Wendejahr 1990 mindestens 193 Menschen Opfer rechtsextremer oder rassistischer Gewalt. Informationen über die Problematik der offiziellen Statistik und die komplette Liste der Todesfälle finden Sie hier.

 

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