07.01.2005, Oury Jalloh

Sachsen-Anhalt

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Spiegel

Für bundesweites Aufsehen sorgte der Tod des aus Sierra Leone stammenden Oury Jalloh, der durch einen Brand in einer Gefängniszelle im Keller des Dienstgebäudes Wolfgangstraße 25 des Polizeireviers Dessau (Sachsen-Anhalt) am 7. Januar 2005 ums Leben kam.

Bei einer Personenkontrolle wurde Jalloh in Gewahrsam genommen. Nachdem er sich geweigert haben soll, seine Ausweispapiere vorzuzeigen, wurde er gewaltsam in den Polizeiwagen gebracht und ihm Hand- und Fußfesseln angelegt. Danach verbrachte zweieinhalb Stunden auf einer Liege fixiert in einer Zelle, angeblich unter Kontrolle der Beamten.
Aus bislang nicht eindeutig geklärter Ursache entzündete sich die Liege, auf der Jalloh fixiert wurde. Nachdem die Matratze in Flammen aufgegangen war, verstarb der Gefangene an seinen Verbrennungen.

Nach Polizeiangaben sei die Zelle alle 30 Minuten durch einen Beamten kontrolliert worden, zuletzt 10 Minuten vor Ausbruch des Feuers. Zuvor sei es dem Gefesselten gelungen, aus seiner Hosentasche ein Feuerzeug zu nehmen und seine Kleidung oder die Matratze zu entzünden. Die zur akustischen Überwachung der Zelle installierte Sprechanlage, über die der Dienstgruppenleiter die Hilferufe des Opfers hätte hören müssen, sei von ihm aufgrund eines Telefonats leise gestellt worden. Auch schaltete der Dienstgruppenleiter den Feuermelder aus, nachdem dieser Alarm auslöste. Erst als der Lüftungsschalter ansprang, habe er die Zelle kontrolliert, den Gefangenen jedoch aufgrund der starken Rauchentwicklung nicht mehr retten können.

Die Umstände, die zum Tod von Jalloh führten, weisen zahlreiche Ungereimtheiten auf, weshalb die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung einläutete: So wurden nach Angaben des für den Inhaftierten zuständigen Polizisten bei der Leibesvisitation lediglich Taschentücher gefunden, kein Feuerzeug. Auch sei die Matratze mit einem feuerfesten Bezug ausgestattet gewesen. Ein Brand in diesem Ausmaß wäre nur möglich gewesen, wenn der Bezug stellenweise entfernt oder beschädigt gewesen wäre. Darauf deuteten jedoch keine Indizien hin. Gegen den Dienstgruppenleiter wurde wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt, weil dieser den Feueralarm mehrfach abgeschaltet habe, obwohl durch die Sprechanlage Hilferufe zu vernehmen gewesen seien. Trotz dieser Tatsachen kam die Staatsanwaltschaft Dessau zu dem Ergebnis, dass für vorsätzliche Tat eines Dritten nicht ausreichend Beweise vorlägen: Demzufolge soll es Jalloh trotz der Fesseln gelungen sein, an ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche zu gelangen, die kunstlederne Matratze zu beschädigen, um den darin befindlichen Schaumstoff zu entzünden. Dennoch hätten der durchsuchende Polizeibeamte und der Dienstgruppenleiter Mitschuld am Tod von Oury Jalloh. Der durchsuchende Beamte hätte das Feuerzeug finden und entwenden müssen. Der Dienstgruppenleiter habe durch das Ignorieren des Feueralarms ein frühzeitiges Einschreiten verhindert. Nach Ansicht der Nebenkläger sei diese Version des Vorfalls eine „reine Hypothese“, es seien auch „gänzlich andere Geschehensabläufe denkbar“.

Obwohl der Vorsitzende Richter Manfred Steinhoff der Dessauer Polizei „Schlamperei“ „Falschaussagen der Beamten“ vorwarf, wurden die Beschuldigten in der ersten Instanz freigesprochen.
Gegen das Urteil legten sowohl Staatsanwaltschaft als auch Nebenklage Revision ein, infolgedessen der Fall vor dem Magdeburger Landgericht neu verhandelt wurde. Am 13. Dezember 2012 sprach das Gericht den Dienstgruppenleiter der fahrlässigen Tötung schuldig und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen in Höhe von 90 Euro.
Fahrlässige Tötung aus rassistischen Motiven?

Verschiedene Indizien deuten darauf hin, dass der Tod von Oury Jalloh einen rassistischen Hintergrund hat:
Seitens der Nebenklage wird bezweifelt, dass das gefesselte und fixierte Opfer tatsächlich dazu in der Lage gewesen sein soll, an ein Feuerzeug in seiner Hosentasche zu gelangen und den feuerfesten Bezug der Matratze zu beschädigen. Außerdem hat ein unabhängiges Brandgutachten ergeben, dass die vollständige Entflammung der Matratze äußert unwahrscheinlich sei. Wahrscheinlicher wäre eine Entzündung mittels Brandbeschleuniger, weshalb ein Mord nicht ausgeschlossen wird.
Auch ist denkbar, dass die unterlassene Einschreiten des Dienstgruppenleiters rassistisch motiviert war.
Da dieser Fall derzeit noch nicht abschließend geklärt werden konnte, wird er als Verdachtsfall gelistet.  

Quellen:
http://www.sueddeutsche.de/panorama/tod-in-polizeizelle-in-dessau-ein-sk...
http://www.sueddeutsche.de/panorama/feuertod-von-oury-jalloh-neues-gutac...
http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2005/06/07/a0090
http://www.thevoiceforum.org/node/695

 
 
 

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