18.01.1996, Zehn Tote beim Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Lübeck

In der Nacht zum 18. Januar 1996 wird ein schwerer Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Lübeck (Schleswig-Holstein) verübt, bei dem zehn Asylbewerberinnen und Asylbewerber aus Zaire, Ghana, Togo, Tunesien, Syrien und dem Libanon, darunter Kinder und Jugendliche, ums Leben kommen. 38 weitere Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Bei dem Anschlag sterben Maiamba und Nsuzana Bunga, Françoise, Christine, Miya, Christelle, Legrand und Jean-Daniel Makodila, Rabia El Omari sowie Sylvio Amoussou. Noch in der Tatnacht werden am Tatort vier als rechtsradikal bekannte Skinheads aus Grevesmühlen festgenommen. Drei der Nazis weisen bei ihrer Festnahme frische Brandspuren auf, wie z.B. angesengte Wimpern und Haare sowie Ruß im Gesicht. Ihre Angaben über die Ursachen für diese Brandspuren sind durch Widersprüche und Falschaussagen geprägt. Maik W., einer der vier Nazis, hat zudem, wie sich herausstellt, erst ein paar Wochen zuvor einem Freund erzählt, dass er "in Lübeck was anstecken" wolle. Die vier Verdächtigen werden aber schon am nächsten Tag wieder freigelassen, da sie angeblich ein Alibi haben: ungefähr zur errechneten Zeit des Anschlags um 3:20 Uhr hatte sie eine Polizeistreife an einer 8 km entfernten Tankstelle gesehen. Damit ist für die Polizei dann offiziell auch der Verdacht eines rechtsradikalen Hintergrunds der Tat abgehakt. Daran ändert sich auch nichts, als der errechnete Brandausbruch später noch einmal um 30 Minuten korrigiert wird. Nach Angaben des Journalisten Andreas Juhnke, der nach ausgiebigen Recherchen ein Buch zu dem Fall verfasst hat ("Brandherd - Der zehnfache Mord von Lübeck: Ein Kriminalfall wird zum Politikum"), haben drei der Verdächtigen zudem auch in ihren ersten Vernehmungen Aussagen zum Geschehen gemacht, die nur aus unmittelbaren Wahrnehmungen beim Brandausbruch am Tatort stammen konnten. Im Februar 1998 gesteht Maik W. dann die Tat vor der Staatsanwaltschaft und schildert dabei ausführlich den Tathergang, nachdem er sich bereits mehrfach im Gefängnis, wo er 1998 wegen mehreren Eigentumsdelikten einsaß, mit dem Brandanschlag gebrüstet hatte. Die Staatsanwaltschaft schenkt dem Geständnis jedoch keinen Glauben. Die Ermittlungen konzentrieren sich vor allem auf einen 21-jährigen Heimbewohner aus dem Libanon, der von einem Sanitäter schwer belastet wird. Dieser verwickelt sich jedoch immer wieder in Widersprüche und muss zudem noch zugeben, dass er eng mit einem rechtsextremen Kollegen befreundet ist, der ihn auch zu der polizeilichen Aussage gedrängt habe. Darüber hinaus stellt sich heraus, dass die Staatsanwaltschaft in ihren Ermittlungen einen BKA-Dolmetscher eingesetzt hat, der immer wieder falsch oder eindeutig tendenziös übersetzte. Das Landgericht Kiel spricht den Heimbewohner schließlich im Herbst 1999 frei. Der Brandanschlag wurde bis heute nicht aufgeklärt. Anfang der neunziger Jahre gab es zahlreiche Anschläge gegen Asylbewerberheime und das Ansehen des wiedervereinigten Deutschland im Ausland war vor diesem Hintergrund bereits schwer angekratzt. Insofern ist es fraglich, ob die Verantwortlichen Willens waren den Fall tatsächlich aufzuklären. Fest steht jedenfalls, dass die Ermittlungen durch zahlreiche Unterlassungen und Pannen gekennzeichnet waren. Der "arbeitskreis kritischer juristinnen und juristen an der Humboldt-Universität zu Berlin" wirft der Staatsanwaltschaft vor "eindeutig gegen ihre Pflichten, nämlich für alle infragekommenden Verdächtigen unparteiisch belastendes und entlastendes Material zu suchen" verstoßen zu haben. Unabhängige Journalisten, Juristen und Initiativen fordern bis heute immer wieder vergeblich die Wiederaufnahme der Ermittlungen.

 
 
 

Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 - wir erinnern an...

Todesopfer rechter Gewalt seit 1990

In Deutschland wurden seit dem Wendejahr 1990 mindestens 178 Menschen Opfer rechtsextremer oder rassistischer Gewalt. Informationen über die Problematik der offiziellen Statistik und die komplette Liste der Todesfälle finden Sie hier.

 

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