27.03.2002, Jeremiah Duggan

Hessen

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Zeit Online

Am Morgen des 27. März 2003 wurde der Brite Jeremiah Duggan auf einer Bundesstraße in einem Wiesbadener Gewerbegebiet tot aufgefunden. Zeug*innen berichten davon, dass er aufgeregt und mit rudernden Armen auf die Straße lief, sodass ein Ausweichen der heranfahrenden Autos nicht mehr möglich gewesen sei. Für die ermittelnden Beamten war der Fall schnell klar: Suizid. Die Hintergründe des Falles werfen jedoch einige Fragen auf.

Der 22-jährige lebte eigentlich in Paris und war in Deutschland, um an einer Konferenz teilzunehmen, die vom sog. Schiller-Institut veranstaltet wurde. Darauf aufmerksam geworden ist Duggan durch die Begegnung mit einem vermeintlichen Anti-Kriegs-Aktivisten, der ihm die Zeitschrift Nouvelle Solidarité verkaufte und ihn nach einigem Kontakt dazu einlud, auf eine Veranstaltung zum Irak-Krieg nach Deutschland zu fahren. Was Duggan nicht wusste: Sowohl die Nouvelle Solidarité als auch das Schiller-Institut sind Organe einer antisemitischen und rechtsextremen Politsekte von Verschwörungsideologen, die sich LaRouche-Bewegung nennt - benannt nach ihrem US-amerikanischen Gründer und ideologischen Wegbereiter Lyndon LaRouche.

Duggan sollte als neues Mitglied rekrutiert werden, wie Zeugen später berichteten. Dafür blieb er auch nach der Konferenz noch in Deutschland, um mit anderen jungen Männern an einer Kaderschulung teilzunehmen. Dabei wurden sie systematisch befragt und psychisch unter Druck gesetzt. Als der junge Brite sich zum Judentum bekannte, wurde er von den anderen Teilnehmenden drangsaliert, als „Verräter“ und „Spion“ beschimpft und geschlagen. Auch hierfür gibt es Zeugenaussagen. Eine Dreiviertelstunde vor seinem Tod rief Duggan seine Mutter an und bat sie panisch um Hilfe, bevor das Telefonat abbrach. Seinen Leichnam fand man fünf Kilometer von seiner Unterkunft entfernt.

Duggan hatte nie psychische Probleme, war lebensfroh und hatte viele Pläne für die folgenden Wochen. Auch deshalb ist seine Mutter der Überzeugung, dass es sich bei Jeremiah Duggans Tod nicht um Suizid handeln könne. Seither kämpft sie um die Aufklärung des Falles, engagiert Privatdetektive, Anwälte, spürt Zeug*innen auf und lässt Gutachten erstellen. Mit teilweisen Erfolgen: So erkämpft sie mit ihren Anwälten vor dem Oberlandesgericht Frankfurt 2012 eine Wiederaufnahme der Ermittlungen. Tatverdacht: Körperverletzung mit Todesfolge. Für "einen suizidalen Hintergrund" fehlten "jegliche belastbaren Anknüpfungstatsachen", so der Richter. 2015 kommt auch ein britisches Gericht zu dem Schluss, dass Duggans Körper eine Reihe unerklärlicher Verletzungen aufweist, die nicht von einem Autoaufprall stammen können. Zudem stellte die Mutter eines La-Rouche Anhängers 2009 Strafanzeige gegen eines der Mitglieder, weil er in den Tod verwickelt sei. Ihr Sohn sagte aus, dass er Duggan für einen Verräter hält, der den Tod verdient habe und der in jener Nacht von Mitgliedern der Bewegung „gehetzt“ worden sei.

Trotz all dieser Ungereimtheiten, die nach wie vor nicht geklärt sind, stellt die Wiesbadener Staatsanwaltschaft die Ermittlungen Ende März 2018 erneut ein. Jeremiah Duggans Mutter, die von der Staatsanwaltschaft in all den Jahren kein einziges Mal interviewt wurde, wird nun mit ihrem Rechtsanwalt Beschwerde gegen den Einstellungsbeschluss einlegen.

Anhänger*innen umfassender Verschwörungsideologien leben häufig in einer eigenen, paranoiden und von Wahn geleiteten Welt. Auch der Richter des britischen Coroner Court kam zu dem Schluss, dass die Methoden der Organisation dafür sprächen, Duggan als Risiko für Mitglieder und Bewegung zu sehen. Dem naheliegenden Motiv und den Ungereimtheiten der Todesumstände entsprechend wird der Fall auf der Liste der Verdachtsfälle geführt.

Weitere Quellen:

Spiegel Online

Kontext: Wochenzeitung

 
 
 

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