Rechtsanwalt Ronald Reimann; © privat
Im Jahr 1990 wurde Amadeu Antonio ermordet. Zehn Jahre später ereilte Alberto Adriano dasselbe Schicksal. Mit dem Rechtsanwalt Ronald Reimann, der in beiden Prozessen die Familien der Opfer vertrat, sprachen wir über die Gerichtsverhandlungen, die Rolle der Justiz und der Öffentlichkeit, damals wie heute.
Wie haben Sie die Verhandlung um den Mord an Amadeu Antonio wahrgenommen?
Reimann: Die Situation im Gerichtssaal war sehr brisant. Es gab im Publikum eine große Gruppe von eindeutig rechten Zuschauern, die offen mit den Angeklagten sympathisierten – bis hin zur szenetypischen Kleidung wie z.B. Springerstiefel. Daneben haben Leute aus antirassistischen Gruppen und Bekannte von Amadeu Antonio aus der schwarzen Community in Eberswalde gesessen. Auch Vertreter der Stadt waren präsent und haben viel Verständnis für „ihre Jungs“ auf der Anklagebank gezeigt.
Wie beurteilen Sie die Rolle der Justiz im Prozess?
Staatsanwaltschaft und Gericht haben in weiten Teilen versagt. Es hat über zwei Jahre gedauert bis es zur Verhandlung kam. Im November 1990 wurde Amadeu Antonio ermordet, der Prozess fand erst im Sommer 1992 statt. Die Aufklärung wurde dadurch erschwert, Zeugen konnten sich mit Erinnerungslücken herausreden. Das Verfahren ist nicht mit der Priorität behandelt worden, die bei so einem Vorfall angezeigt gewesen wäre. Der Vorsitzende Richter schien keinen adäquaten Zugriff auf die Zeugen und Angeklagten zu bekommen. Kaugummi kauenden Zeugen warf er Missachtung des Gerichts vor, aber gegen die Skins mit Springerstiefeln im Gerichtssaal unternahm er nichts.
Was dachten Sie nach der Urteilsverkündung?
Im ersten Moment war ich froh, dass es überhaupt zu einer Verurteilung gekommen war. Angesichts der Beweisschwierigkeiten drohte sogar ein Freispruch. Letztlich ist es aber kaum nachvollziehbar, dass hier lediglich wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt worden ist. Das Gericht hatte festgestellt, dass ein Mob durch Eberswalde zog, um „Neger aufzuklatschen“ und sich mit „Deutschland den Deutschen“-Rufen aufheizte. Auf Amadeu Antonio traten eine Vielzahl von Personen ein, als er auf dem Boden lag. Wer sich, wie die damaligen Angeklagten, daran beteiligt, begeht aus meiner Sicht einen Mord aus „niederen Beweggründen“.
Wie sehen Sie die Entwicklung heute?
Im Vergleich zu 1990 hat sich einiges getan. Es gibt Sonderdezernate und Sondereinheiten sowohl bei der Polizei als auch bei der Staatsanwaltschaft, die sich speziell mit Straftaten mit rechtsextremer Motivation beschäftigen. Das Umfeld der Täter wird heute mehr ausgeleuchtet und überprüft. Jedoch werden auch heute viele Taten, die eine eindeutige rechtsextreme Motivation haben, nicht als solche anerkannt. Rechtsextreme Straftaten werden oft verharmlost.
Was kann die Zivilgesellschaft zur Unterstützung der Betroffenen tun?
Im Jahr 2000, als Alberto Adriano ermordet wurde, spielte die Zivilgesellschaft eine große Rolle, die mit Mahnwachen, Demonstrationen und Lichterketten auf den Mord aufmerksam machte und die Justiz unter Druck setzte, schnell und entschieden zu handeln. Was dann auch Wirkung gezeigt hat. Die Hauptverhandlung wurde nur wenige Wochen nach der Tat durchgeführt, das Oberlandesgericht war zuständig und nicht nur eine Jugendkammer am Landgericht. Die Täter sind wegen Mordes verurteilt worden.
Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Laura Frey
29/11/2010
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"Wenn No Historical Backspin vielleicht schon im Vorfeld zum Nachdenken anregen kann, so hilft der Opferfonds Cura denjenigen, die bereits unter rassistischer und intoleranter Gewalt leiden mussten."
Prof. Dr. Norbert Lammert
Bundestagspräsident
"Leider werden viele Mitbürger täglich irgendwo in unserem Land angegriffen. Wir müssen uns dagegen wehren und vor allem für die Opfer da sein."
Claudia Luzar, Opferberatungsstelle BACK UP (NRW)
"Leider fühlt sich in Deutschland kaum jemand für die zahlreichen Opfer rechtsextremer Gewalt zuständig. Aber unabhängige Hilfe kommt von dem Opferfonds CURA."
Franz Zobel, Mitarbeiter bei ezra (Opferberatungsstelle in Thüringen)
"Der Opferfonds CURA setzt ein deutliches Signal: Uneingeschränkte Solidarität mit Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt."
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