Installation zum Gedenken an Marwa El-Sherbini vom Verein Bürger.Courage © Bürger.Courage
828 rechts motivierte Gewalttaten für 2011 zählt das Bundesministerium des Innern nach eigenen Angaben. Die Zahlen verharmlosen allerdings fast, was hinter ihnen steht: Die gewalttätige rechtsextreme Ideologie, die in manchen Orten Deutschlands bereits die Meinungsübermacht gewinnt. Rechte Gewalt gehört auf einem hohen Niveau zur Normalität in Deutschland und die Öffentlichkeit nimmt achselzuckend zur Kenntnis, dass sich diese auf einem hohen Niveau stabilisiert hat.
Leider tragen die Berichte der Polizeibehörden und der Verfassungsschutzämter zu dieser Verharmlosung des Rechtsextremismus durch die Reduzierung auf Zahlen, Organisationen und Publikationen von verfassungsfeindlichen Organisationen dazu bei. Bei einer systematischen Betrachtung müsste die Bundesregierung zu dem Schluss kommen, dass die rechtsextreme Szene in vielen Gegenden Deutschlands das staatliche Gewaltmonopol erfolgreich aushebelt. Ganze Regionen werden von der rechtsextremen Szene eingeschüchtert und terrorisiert, sie dominieren den öffentlichen Raum und entwickeln ihn zu Angstzonen für alle Menschen, die nicht ins rechtsextreme Weltbild passen.
Detailliert listen die Berichte die zentralen Erkenntnisse auf: Die Straftaten der rechten Szene sind 2011 wieder leicht gestiegen auf insgesamt 16.873 (Vorjahr: 16.375). Letztlich ist jedoch auch dies irrelevant, da nicht nur die tatsächliche Gewalt entscheidend ist, sondern die Bereitschaft, jederzeit Gewalt anzuwenden. Und die rechtsextreme Szene setzt diese Bereitschaft zur Gewaltanwendung systematisch ein. Mit diesem Mittel gelingt es ihr, in vielen Orten und kleineren Städten eine rechtsextreme Hegemonie im Alltag und im öffentlichen Raum durchzusetzen. Dieser qualitative Unterschied und sein großer alltäglicher Einfluss auf das Leben sehr vieler Menschen unterscheiden den Rechtsextremismus von den anderen im Verfassungsschutzbericht beschriebenen verfassungsfeindlichen Phänomenen und machen ihn zur zentralen Bedrohung der inneren Sicherheit in Deutschland.
2011 hat die rechtsextreme Szene diese Gewaltbereitschaft auch wieder durch zwei Morde untermauert. Am 27. März 2011 wurde der vietnamesische Wohnungslose Duy-Doan Pham in Neuss (NRW) von zwei Männern zu Tode geprügelt. Einer der Täter hatte Kontakte zur Neonaziszene und trägt ein Hakenkreuz auf seiner Brust tätowiert. Das dritte Jahr in Folge forderte rechte Gewalt in Sachsen allem Anschein nach ein Todesopfer. Am 27. Mai wurde der Wohnungslose André K. in Oschatz (Sachsen) brutal zu Tode geprügelt. Die bisherigen Informationen zu Tathergang und Tätern geben Hinweise auf ein rechtes Tatmotiv. Es ist daher nicht auszuschließen, dass Andre K. aufgrund sozialdarwinistischer Einstellungen sterben musste.
Rechnet man die Statistiken auf Stunden herunter, so heben ca. alle 30 Minuten Neonazis in Deutschland den Arm zum Hitlergruß, beschimpfen Menschen rassistisch und verteilen rechtsextreme Musik. Jede Woche werden über 15 rechtsextreme Angriffe verübt. Doch Statistiken allein können nicht alles abbilden. Sie suggerieren auf den ersten Blick eine relativ gleichmäßig über das Land verteilte Zahl an Straf- und Gewalttaten, die, heruntergerechnet auf einen einzelnen Landkreis oder eine Region, noch relativ »harmlos« erscheinen mag. Die Straf- und Gewalttaten konzentrieren sich jedoch vor allem auf einige ländliche Regionen und kleinere Städte, die der Gewalt kaum noch etwas entgegensetzen können. Besonders stark betroffen davon sind Sachsen-Anhalt, Sachsen, Brandenburg und Thüringen. Im Westen ist es in den letzten Jahren vor allem Schleswig-Holstein und Hamburg.
Wenn wir uns fragen, was wir dagegen tun können, bleibt ein Blick in die Mitte der Gesellschaft, wo die rechtsextremen, rassistischen und menschenfeindlichen Vorurteile und Einstellungen eingeübt und reproduziert werden, nicht aus. Auch ist deutlich, dass wir als Bürgerinnen und Bürger nicht alleine auf den Staat vertrauen können, sondern selbst aktiv werden müssen, in vielen kleinen Initiativen vor Ort, im Arbeitsleben oder auch im Rahmen der demokratischen Parteien. Dies gilt selbstverständlich nicht nur für den Rechtsextremismus, sondern auch für alle anderen antidemokratischen Einstellungen.
Timo Reinfrank
Monika Kruse, DJ/Initiatorin von No Historical Backspin
"Wenn No Historical Backspin vielleicht schon im Vorfeld zum Nachdenken anregen kann, so hilft der Opferfonds Cura denjenigen, die bereits unter rassistischer und intoleranter Gewalt leiden mussten."
Prof. Dr. Norbert Lammert
Bundestagspräsident
"Leider werden viele Mitbürger täglich irgendwo in unserem Land angegriffen. Wir müssen uns dagegen wehren und vor allem für die Opfer da sein."
Claudia Luzar, Opferberatungsstelle BACK UP (NRW)
"Leider fühlt sich in Deutschland kaum jemand für die zahlreichen Opfer rechtsextremer Gewalt zuständig. Aber unabhängige Hilfe kommt von dem Opferfonds CURA."
Franz Zobel, Mitarbeiter bei ezra (Opferberatungsstelle in Thüringen)
"Der Opferfonds CURA setzt ein deutliches Signal: Uneingeschränkte Solidarität mit Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt."
183 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 - wir erinnern an...
In der Nacht zum 24. Juni 2000 wird der Obdachlose Klaus-Dieter Gerecke in…
Am 27. Juni 2001 wurde Süleyman Taşköprü in Hamburg Bahrenfeld von der…
Der Obdachlose Emil Wendtland wird am 1. Juli 1992 im Rosengarten in Neuruppin…
In Deutschland wurden seit dem Wendejahr 1990 mindestens 183 Menschen Opfer rechtsextremer oder rassistischer Gewalt. Informationen über die Problematik der offiziellen Statistik und die komplette Liste der Todesfälle finden Sie hier.
Spendenkonto
Opferfonds CURA der Amadeu Antonio Stiftung
Deutsche Bank Bensheim
BLZ 509 700 04
Konto 030 331 331
IBAN: DE30509700040030331331
BIG: DEUTDESF509
Transparenz und Kontrolle